homeArno Gisinger ist Fotograf und Historiker und lebt in Paris. Er unterrichtet an französischen und österreichischen Hochschulen.
 

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Bilder aus Indien

Gislind Nabakowski: Arno Gisinger – Visual History: Paläste im Süden von Indien

Eine Rezension von Gislind Nabakowski, erschienen in der Zeitschrift EIKON (2003) anlässlich einer Ausstellung in der Galerie Brigitte Haasner Wiesbaden vom 6. September bis 2. Oktober 2003

Der Ausstellung mit Künstlern Wiesbadener Galerien im Feldkircher ,,Palais Liechtenstein‘‘ folgte im kulturpolitischen Gegenzug, daß die 10. ZusammenKunst 2003 in 12 Galerien und 3 Institutionen der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden - zum Motto ,,Kunstlandschaft Vorarlberg‘‘ (1) - etwa 50 KünstlerInnen aus Österreich präsentierte. Während es im Nassauischen Kunstverein - zum Titel ,,Außer Atem – Fokus Österreichische Malerei‘‘ Wechselwirkungen von Malerei, Video, Fotografie und Objektkunst zu entdecken gab, präsentierte die Galerie Haasner Arno Gisingers Farbfotografien von Häusern und Palästen in Südindien.

Arno Gisinger, der lange Zeit für EIKON als Auslandskorrespondent aus Frankreich berichtete, ist mit Robert Dulau in die heute aus (noch) 77 Dörfern bestehende südindische Region Chettinad am Golf von Bengalen gereist. Während er mit der Kamera poetisch und diskret die pompöse Architektur einer untergehenden Welt innen und außen notierte, erarbeitete Robert Dulau mit verschiedenen hervorragenden Begleittexten die kultur-, sozial- und baugeschichtlichen Aspekte des eindrucksvollen und großen Projekts. Unterstützt wurden die Reise und das hervorragende daraus resultierende Buch durch zwei Pariser Ministerien und das Institut Français in Pondichéry (Indien).(2)

Obwohl die Fotografien Arno Gisingers gewiß eine völlig andere mediale Anmutung aufweisen - z. B. sind sie nicht selbst melancholisch, es gibt auch wenig Anlaß zu sagen, daß sie nostalgisch wirken - wird man bei der Klassifizierung des fotografischen Projekts, das die enorme Vielfalt der typischen baugeschichtlichen Spuren der Kaste der Chettiaren als Bildarchiv aufbewahrt, dennoch unwillkürlich immer wieder an Eugène Atgets Fotografien leerer Pariser Straßenzüge und ebenso auch an die von Clarence J. Laughlin der untergehenden Kolonialzeit in den amerikanischen Südstaaten erinnert. Das hat vor allem damit zu tun, daß hier in allen Fällen eine Ära des extremen Verfalls mit Nachdruck inventarisiert wird.

Diskret und intensiv zeigen die Fotos Arno Gisingers in der südindischen Region Chettinad mehrgeschossige, monumentale Paläste und einst wohlhabende Flachbauten, entstanden in der Ära von 1850 bis 1940, mitsamt ihren Höfen, Vorratsräumen, internen Klassenzimmern, Küchen, Feuerstellen, großen Hallen für die Familenrituale, sehr nüchternen Eßräumen, Salons, säulenumrandeten Innenhöfen auf verschiedenen Ebenen, lotusgeschmückten Säulengängen, schmuckvollen Doppelsäulen, Arkaden, Ornamenten, Ziegeldächern, verwunschenen Gärten, von Balustraden umsäumten Dachterrassen, imposanten Fassaden, lotusbewachsenen riesigen Seen und Krankenhäusern. Sichtbar werden exemplarisch - als allem zugrundeliegende Kartografie - die stets rechtwinklig zueinander geordneten Straßen- und streng achsial aufeinander bezogenen Bauensembles.

Die Chettiaren gehören zu den Tamilen und sind eine historisch verankerte Bankiers- und Händlerkaste, die es in der Kolonialzeit gut verstanden hatte, ihr Können in die Dienste des britischen Empire zu stellen. Sie handelten mit Salz, Halbedelsteinen, Weizen und Baumwolle und waren die herrschenden Handelsprinzipalen im gesamten südostasiatischen Raum, die schließlich ihr Imperium bis nach Indochina, Mauritius, Kambodscha und Südafrika ausweiteten.

Das große, fotografisch-historische Projekt steht allerdings zudem unter dem Stern des Ungesehenen, zumal gerade die Chettiaren als Bauherren eine wenig bekannte Kaste sind. So zeigen die Fotos deren pompöse Paläste und einst prachtvollen Wohnbauten, die im Laufe der Dekaden der Blütezeit planmäßig immer wieder um Dimensionen und Funktionen erweitert wurden – den Mamor für die hochpolierten Füßböden bezog man in der Regel aus Italien – Einflüsse Palladios, des Neoklassizismus, des indisch-englischen Viktorianismus und bisweilen der Neogotik. Man kann hier von einer vollkommenen künstlerischen Umwandlung westlicher Stile mit den Traditionen des Hinduismus sprechen, bisweilen mit bizarrem Ekklektizismus im Dekor, was dem Können der Architekten, Künstler und Handwerker und der traditionellen Reichhaltigkeit der Kultur zuzusprechen ist.

Der Eindruck der konsequenten Leere der Fotos entsteht nicht allein durch die beinahe Abwesenheit von Menschen in den Bildern. Sie wird auch nicht allein dadurch bewirkt, daß sich viele Bauten im Zustand des extremen Verfalls befinden – z.B. ein Palast in Pallatur, in dem verstaubte Teakholzbalken und Ziegelsteine ein einstürzendes Chaos bilden – an dessen Beispiel man außerdem erfährt, daß viele Requisiten dieser kostbaren indischen Baudenkmäler, z.B. Säulen und schmuckvolle Türumrandungen, längst auf den globalisierten Märkten des Westens als Accessoires feilgeboten werden.

Der Eindruck entsteht noch dazu durch die Tatsache, daß die wenigen der Paläste, die überhaupt angesichts der Verarmung der Besitzer noch ,,aktiv‘‘ betrieben sind, über das Jahr von einer in den Bildern unsichtbaren Dienerschar gewartet werden, während die weit über den Erdball verstreuten Besitzer - meist verzweigte Familien mit bis zu hundert Mitgliedern - in der Regel nur einmal im Jahr diese Paläste aufsuchen, um dort in der Tradition der Kaste ihre religiösen und familiären Rituale zu begehen. So ist dem Projekt wohl auch die Absicht einer größeren denkmalschützerischen Perspektive eingeschrieben, sowie das erklärte Ziel, hier und dort für den verflossenen Luxus Umwidmungen und neue soziale Zuordnungen (Hotels, Kulturräume etc.) zu finden.

Arno Gisinger und Robert Dulau lebten während der Zeit der Projektarbeit selbst in der fulminant luxuriösen Riesenresidenz der Familie Murukappa im Dorf Pallatur, die samt Garten auf vielen Fotografien festgehalten wird. Die Fotos dieser Baukunst, deren Blütezeit schon mit dem Zweiten Weltkrieg einen krassen Niederging erfuhr, hat Arno Gisinger in der Galeriepräsentation um das äußerst anrührende Bildnis des Mister Attaikkappa versammelt. Der alterslose und würdevoll traurige Mann im langen, weißen Leinengewand, deren Kanten eine goldene Borte ziert, sitzt wie verloren in einem riesigen Kolonialsessel aus dunklem Holz, dessen breite Armlehnen Beistelltische ersetzen. Er verharrt, als wagte er kaum diesen enormen raumgreifenden Gegenstand mit seinem schmalen Körper anzurühren. Seine Füße baumeln in der Luft, die Hände liegen ruhig auf den Oberschenkeln, doch sein Blick läuft ins Leere. Mister Attaikkappa, selbst Besitzer eines Palasts, war der Hausmeister, der die ,,Schlüsselgewalt‘‘ zu all den immensen Palästen hatte, die er dem neugierigen Duo aus Europa bereitwillig aufschloß. ,,He contemplates in a void, a world we cannot see‘‘ heißt es in Robert Dulaus Text zum Foto.

Gislind Nabakowski

Anmerkungen

(1) Kat. Kunstlandschaft Vorarlberg, 70 S., 5,- Euro.
(2) Maisons-palais du Sud de l’Inde. Palatial Houses in the South of India. Textes Robert Dulau, photographies Arno Gisinger, Institut Français de Pondichéry, Publications Hors Série 2, 2002, ISSN: 0972-2157, 35.- Euro.
 Tempel mit geheiligtem Baum in Ariyakutti, Chettinad, 1999 (2003), (c) Arno Gisinger, Courtesy: Galerie 779, Paris